Wildwest auf dem Müllerburschenweg

Sonntag, 25. September, 18.Uhr: es wird geschossen! Jäger geben Warnschüsse auf Spaziergänger ab, weil der Müllerburschenweg anscheinend etwas nah am Hochsitz des Jägers liegt.

In Finsterdeutschland boomt der Jagdtourismus. Während die Betuchten im Westen Deutschlands schon alles was nicht bei drei auf dem Baum sitzt totgeschossen haben, ist im Osten noch Leben im Wald. Wildschweine, Rehe und Hasen kreuzen hier massenhaft die Wege der Wandern, noch. Denn kolonnenweise kommen die Tiermörder aus allen Teilen des reichen Westens, aus der Schweiz und Österreich in SUVs und Geländefahrzeugen der Nobelmarken Mercedes und BMW  in die hiesigen Wälder. Angetrieben von der Gier nach Beute, ausgestattet mit modernsten Schussgeräten, sitzen sie feige auf ihren Hochsitzen und lauern der Möglichkeit ein scheues Tier zu morden, während ihre fabrikmäßig gezüchteten Hunde darauf warten die erlegten Tiere aufzuspüren.

Wandern im Vogtland – der Müllerburschenweg

Um den Tourismus in einer strukturschwachen und an sich reizlosen Gegend anzukurbeln hat man sich unter anderem einen Namen ausgedacht und dazu passend einen Rundwanderweg ausgeschrieben:

Mühltroff – Pausa – Mehltheuer – Syrau – Schneckengrün – Leubnitz – Rößnitz – Rodau – Kornbach – Mühltroff

Das Ganze schimpft sich Müllerburschenweg in Anlehnung an den fiktiven Namen Mühlenviertel. Angeblich soll es entlang des Wanderweges Mühlen geben. Bekannt ist im Vogtland tatsächlich eine Mühle, die Windmühle in Syrau.

Ich will mich auch nicht lange damit aufhalten, denn ehrlich, wer will hier Urlaub machen? Ein Landstrich in dem die Bevölkerung in Scharen gen Westen flüchtet, das geografisch und klimatisch an Bayrisch Sibirien grenzt und eine Sprache gesprochen wird, die man nur mit Ohrenstöpsel ertragen kann.

Tatsächlich ist dieser “Wanderweg” nur ein holpriger, meist matschiger verbliebener Rest einer Straße. Wandern an sich ist kaum möglich, denn meist wird er von den hier typischen, riesigen Kolchosefahrzeugen befahren. Ein gutes Ohr ist notwendig um das Herannahen dieser Gefährte nicht zu verpassen. In der Regel hilft dann auch nur ein gewagter Sprung in das Unterholz oder die Brennnesselstauden am Wegesrand, denn ausweichen oder gar anhalten ist den Fahrern nicht bekannt, obwohl der Weg teilweise komplett für alle Fahrzeuge gesperrt ist.

Wer Glück hat, erlebt Tage an denen es mal nicht regnet, bzw. nich saukalt ist und in der Kolchose Schweinegrippe ausgebrochen ist. Kein Grund zum Aufatmen, in diesen Fall fährt sie mit Sicherheit ein zugereister Tiervermehrer mit seinem Geländefahrzeug über den Haufen.

Ein Lichtblick, wenn man dann mit verdreckter Hose und versifften Schuhen eine der wenigen ansehnlichen Gaststätten entdeckt. Die Vorfreude endet aber oft damit, dass man stundenlang am Tisch sitzt, ohne dass einem Aufmerksamkeit seitens der Bedienung geschenkt wird.

Aber ohne Gesundheit ist alles nichts und so erfreuen sie sich dann daran, dass ihnen nichts zugestossen ist auf dem mehr oder weniger, naja ziemlich weniger, reizvollen Müllerburschenweg. Denn hier in eine Klinik, oder selbst nur einen normalen Allgemeinmediziner aufsuchen zu müssen ist Strafe genug.

Es gibt aber wirklich Alternativen, wagen Sie sich lieber ein paar Kilometer nach Norden ins Thüringische. Die Wandergebiete rund um Zeulenroda sind äußerst attraktiv, locken mit Stausee, Tiergehege und teilweise gastfreundlichen Menschen.

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